Zypern Retrospektive
Möchte ich noch immer malen?
Ich habe mich seit Beginn des Jahres 2024 meinem ersten Roman gewidmet. Fortan ist all meine Schaffenskraft in dieses große Projekt geflossen. Und so sehr mich die Arbeit an meinem ersten Roman erfüllt hat, war da immer eine zweite Stimme in mir. Eine Stimme, die mit ganzem Wesen darum gebeten hat, mich ihr zu widmen, was auch immer es kosten mag. Die Stimme der Malerei. Und so mich diese nicht losgelassen hat, habe ich mich dafür entschieden, mich ihr hinzugeben. Auf dem Cyprus College of Art. Einem Ort, von Künstlern, für Künstler geschaffen. In gewählter Abgeschiedenheit meines alltäglichen Lebens, um diesem Findungs-Prozess all meinen Raum zu schenken.
Die erste Woche hat mir einiges abverlangt. Noch immer stand ich mit einem Bein in meinem Roman, den ich für die kommenden drei Monate pausiert hatte und habe meine Entscheidung, hierher zu kommen gänzlich angezweifelt. Das Atelier hat mich wie überschwemmt mit seiner Energie. Ich hatte das Gefühl, als fließen hier fünfundfünfzig Jahre geballte Kreativität durch die Räume. Und während ich das unendliche Potential dieses Ortes gespürt habe, in dessen Geschichte nun ich einen kleinen Abschnitt mitschreiben würde, wusste ich nicht ob ich dem gewachsen bin.
Ich habe meine ersten Tage also damit verbracht Gedankenkreise zu drehen, um eine Thematik zu finden.
Erst der Gedanke, dann die Kunst.
Auf diese Art und weise habe ich lange gearbeitet. Um dem Konzept treu zu bleiben, um etwas auszusagen.
Irgendetwas daran schien nicht zu stimmen. Lange schon hatte ich eine Vorahnung, dass in dieser Arbeitsweise meine Distanz zur Malerei liegt. Dass das exzessive Denken, die Malerei überfrachtet und sie abrückt vom Leben. Doch wie ich dem entkommen sollte, wusste ich dennoch nicht.
Ich habe nun auf eine Erfahrung aus dem Juni dieses Jahres zurückgegriffen, die mich erstmals wieder die Freiheit hat spüren lassen, die dem bildnerischen, kreativen Schaffen zugrunde liegt.
Monster malen
„Monster malen“ ist ein Spiel, das ich noch aus meiner Kindheit kenne. Man malt/zeichnet in einer kleinen Gruppe zusammen Figuren. Als erstes zeichnet man den Kopf, dann knickt man das Blatt, sodass die nächste Person den Kopf nicht sehen kann.
Man gibt das Blatt weiter und die nächste Person zeichnet den Oberkörper. Dann wieder umknicken und die nächste Person zeichnet die Beine. Schlussendlich entstehen Figuren/Monster aus einem Zusammenspiel der Gruppe.
Ich habe hierbei zum ersten Mal, seitdem ich mit der Malerei gerungen habe, wieder die Kraft gespürt, die dem Zeichnen beiwohnt. Es war die Einfachheit. Dieselbe Einfachheit aus der ein Kind schafft, bei der man dem Schaffen keine Bedeutung beimessen muss.
Nun habe ich meine ersten Tage auf dem cyprus college of art damit verbracht Monster zu malen, indem ich den Bleistift über das Blatt kreisen lies und aus den Linien, langsam Formen und Figuren erkennen konnte.
Die „Sculpture Wall“
„Fuck the meaning, let´s just do art“, waren Emilios Worte, nachdem ich ins Stocken gekommen bin und versucht habe dem Monster-Malen eine philosophische Bedeutung zu geben.
Er hat mich auf die „Sculpture wall“des Cyprus College of art verwiesen. Ein Park voller Skulpturen, der den Eingang, sowie den Garten, vor den Ateliers schmückt. Viele der Skulpturen haben etwas Monster-artiges an sich und haben mich allein dadurch bereits angezogen. All diese Skulpturen wurden über Jahrzehnte von verschiedenen Künstler*innen geschaffen und schließlich zusammengestellt. Sie sind das Herz des Colleges. Hier habe ich den ersten Monat fortan täglich ein bis zwei Stunden verbracht und Skizzen der Skulpturen gezeichnet. Hierbei ging es in erster Linie um das reine Tun. Um das Schaffen, selbst wenn da keine Idee ist, wo es hinführen soll. Um den Einfluss der Umgebung. Es hat mich in der Beobachtung geschult und mich befähigt mich wieder an meinen Bleistift zu gewöhnen.
Ein wesentlicher Aspekt, war hierbei jedoch auch der technische. Das Auge will geschult werden. Ein befreundeter Künstler hat mir einmal gesagt: „Nicht nach der Natur schaffen, sondern wie die Natur schaffen. Aus sich selbst heraus.“
Es braucht Zeit und viel Praxis, um das Gesehene schließlich wie von alleine über die Hand auf das Blatt wandern zu lassen. Die Wichtigkeit dieser Disziplin ist nichts neues für mich und doch hat mich das skizzieren mich wieder an sie erinnert.
Da hier die Sonne sehr stark war und scharfe Kontraste setzte habe ich mich zuallererst intensiv mit den Licht und Schatten Situationen, des Skulpturparks auseinandergesetzt und diese versucht momentweise aufzufangen.
Dieses alltägliche Spiel von Licht und Dunkelheit hat mich bei genauer Beobachtung in ein tieferes Verständnis der Naturgesetze geführt. Die Natur erzählt hierbei in aller Einfachheit von den Polaritäten dieses Universums. Es hat etwas mit mir gemacht, mir dieser Gegensätze intensiver bewusst zu werden. Sie liegen ja jeder Existenz und allem Tun zugrunde. Es ist Nacht, es ist Tag. Winter, Sommer. Leben, Sterben. Gut, Schlecht. Erfolg, Scheitern. So heftig sich die Polaritäten auch gegenüberstehen, nehmen sie gleichermaßen dem dualistischen Denken die Relevanz. Nichts kann existieren, ohne seinen Gegensatz und aus zwei wird eins. Ohne Nacht kein Tag, ohne Leben kein Tod usw. Ich möchte nicht sagen, dass mich diese Erkenntnis ganzheitlich durchdrungen hat, so viel Freiheit kann ich mir nicht beimessen, doch speziell auf das Scheitern bezogen, hat sie mir etwas offenbart, auf das ich im Weiteren noch einmal zurückkommen werde.
Desweiteren haben mich meine Skizzen in das Spannungsfeld der Linie und der Abstrahierung geführt. Welcher Teil der Zeichnung muss ausgeführt sein und welcher darf diffus bzw. angedeutet bleiben. Was möchte ich erzählen? Wo treffen wilde Striche auf klare Linien? Perspektive, Komposition. All das ist ewiges Übungsfeld und eben die Schule des Auges. Ich habe fortan Interesse gefunden an Momenten, wo Lücken entstehen, zwischen den Elementen von Skulpturen, Mauern etc. die wie durch ein Schlüsselloch nur einen kleinen Einblick des Geschehens verraten, während die Figuren fest wie Wächter davor stehen.
Auch die Wahl des Ausschnitts der ausgeführten und eben unausgeführten Momente der Zeichnung haben mir aufgezeigt, wie beinahe schon eine eigene, neue Skulptur auf dem Blatt entstehen kann. Hier ragt mal ein Arm in die Zeichnung und dort lasse ich das Bein einer Skulptur aus. Wie aus der Wand entrissen und neu interpretiert.
Kleine Gemälde
Gleichzeitig mit den Skizzen der Skulpturen habe ich mich auf ein Experiment eingelassen, gegen das ich mich erst gesträubt habe. Ich habe auf kleinen Stücken Leinwand einfach drauf los gemalt. Ohne Idee, ohne zu wissen, was dabei rauskommen wird. Hier liegt, das kann ich jetzt sagen, der Ursprung aus dem ich gelernt habe zu schöpfen. Zuallererst hat mich die „kleine Leinwand“ den Dialog gelehrt. Den Dialog, der genauso wahrhaftig ist, wie ein tatsächliches Gespräch. Es ist eben nur eine andere Sprache und wie jede Sprache muss man eben auch diese erlernen.
Mit Pinsel und Farbe, Kohle und Spachtel, habe ich eine Unterhaltung begonnen. Manchmal hat es sich als Dialog erstreckt, in dem üblichen Zwischenspiel von Frage und Antwort, Aktion und Reaktion.
In anderen Momenten durfte ich einfach nur zuhören. Was für großartige Momente! Wer lehnt sich nicht gerne zurück, macht es sich gemütlich und lauscht mit ganzer Aufmerksamkeit einer guten Geschichte.
Natürlich gibt es auch Gemälde, mit denen ich streiten musste. Wo sich zwei gegenüberstehen und sich auf Teufel komm raus nicht einig werden können. Mit manchen habe ich eine Lösung gefunden, mit manchen bin ich getrennte Wege gegangen, wobei ich sagen muss, dass Zweiteres der seltenere Fall war. Die allermeisten Streitigkeiten brauchen ja nur etwas Zeit und offene Ohren, um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.
Es war die kleine Größe der Leinwand, die mir die Freiheit geschenkt hat, mich auf dieses, derzeitig waghalsige, Experiment einzulassen.
Die kleine Größe hat mir die Angst am Scheitern genommen. Wenn mal eines der Gemälde „schief geht“, na dann widme ich mich eben einem neuen.
Ich möchte an dieser Stelle etwas genauer auf den Begriff des Scheiterns eingehen, da dieses in herkömmlicher Weise nicht existiert.
Das Scheitern, als essenzieller Teil des Experiments ist besser durch den Begriff Versuch zu ersetzen. Es geht hierbei darum etwas zu wagen, ein Risiko einzugehen, selbst wenn dieses das Werk „zerstören“ könnte.
Doch ohne den Versuch, ohne etwas neues zu wagen, halte ich es für unmöglich sich schöpferisch zu entfalten.
So muss man manchmal hundert mal scheitern, um beim hundertersten Mal ein Meisterwerk zu schaffen. Ohne Scheitern kein Erfolg.
Das Gefühl „gescheitert“ zu sein, bohrt sich trotzdem ein jedes Mal wieder schmerzlich durch die Brust. Nur lernt man mit der Zeit damit einfacher zu sein. Die wiederholte Erfahrung, des „Scheiterns“, sowie die Kontinuität im Arbeiten sind hierbei wesentliche Faktoren.
Und doch weiterhin hat es mich geplagt aus dem Unwissen zu arbeiten. Ich hatte das merkwürdige Gefühl, als wäre ich nicht der Schaffende, wenn dem Werk keine solide Idee zugrunde liegt, was dem Künstler-Ego natürlich gar nicht in den Kram passt.
Also habe ich mich in einem größeren Gemälde wieder dem Wissen zugewandt.
Ich habe Momentaufnahmen, der Skulpturen meinem Skizzenbuch entnommen und mit den Licht Situationen der „Kleinen Gemäde“ vereint, mit der inhaltlichen Idee eines verwunschenen Gartens. Der verwunschene Garten ist ein Ort des Unwissens, er wird bewacht von Monstern, am Eingang und doch möchte man hineingehen, da auf der anderen Seite ein Licht scheint, das den Betrachter lockt. Die Symbolik steht im Prinzip dafür, dass man sich seinen Ängsten stellen sollte und sich ruhig trauen soll sich seinen Monstern zu widmen, auch wenn man nicht weiß, was dabei rauskommen wird. Das ist eine Aussage, gegen die nichts einzuwenden ist und doch empfinde ich, dass die Symbolik, das Konzept und wohlgewollte Überlegung, das Gemälde überstrapazieren. Ob ich es auch in ästhetischer Sichtweise gerne mag, habe ich das Gefühl, dass das Gemälde hierdurch an Kraft verliert.
Ich habe fortan Seite an Seite, das Gemälde des verwunschenen Gartens direkt neben den „kleinen Gemälden“ gesehen. Beide beschäftigen sich mit der gleichen Thematik: Unwissen. Das eine geschaffen aus dem Wissen, behutsam konzipiert, um dem Unwissen Ausdruck zu verleihen und die anderen, geschaffen aus dem Unwissen.
Ich musste klar und deutlich feststellen, dass die „kleinen Gemälden“ um Welten ausdrucksstärker sind, viel größer sind.
In einem weiteren Versuch der Serie, des verwunschenen Gartens habe ich versucht, den Figuren/Monstern eine Form von Vibration bzw. Bewegung zu verleihen, um sie lebendiger wirken zu lassen. Ich habe hierfür mit Kohle über das Gemälde gezeichnet und Linien versetzt angebracht.
Die wilde Linie der Kohle, hat dem Gemälde gleich deutlich mehr Leben eingehaucht, wie auch die Kombination aus verschiedenen malerischen und zeichnerischen Medien.
Das Laufen
Das Laufen hat einen großen Teil meiner Arbeit eingenommen und ist immanenter Bestandteil meiner Prozesse geworden. Mindestens ein bis zwei Mal die Woche habe ich meine Arbeit im Studio gelassen und bin lange spazieren gegangen. Mit der Zeit habe ich gelernt die Momente zu erkennen, in denen es wichtig ist, Abstand zu meinem Werk zu nehmen, um in meinem Schaffen organisch zu bleiben.
Das Laufen bringt die Dinge ins Rollen. Die Bewegung und der Ortswechsel, schaffen Bewegung, für all das, was da in einem Selbst, im inneren arbeitet. Wenn man jetzt zusätzlich noch Gewässer in Reichweite hat, na dann kann kaum noch was schiefgehen.
„Wenn du Veränderung möchtest, dann suche dir einen Ort wo Veränderung allgegenwärtig ist.“
Ich hatte das große Glück, das Meer in Fußnähe zu haben. Das Wasser, das in ständiger Bewegung ist, hat auf mich abgefärbt und meine eigenen Wellen, haben jedes Mal aufs Neue Fahrt aufgenommen und meinen Prozess begleitet.
Es gab so viele Momente, in denen ich nicht wusste wohin mit mir, mich selbst und meine Entscheidungen hinterfragt habe und nach den Spaziergängen Antworten gefunden hatte. Teilweise waren es noch nicht mal Antworten in Form von Antworten, doch, weil mein Prozess, mein Schaffen auf Zypern eine hundertachtzig Grad Wendung genommen hat, hat es die Bewegung gebraucht, um all das neue und Unbekannte zu initiieren, in mir zu verankern. Ich bin mit meiner Skepsis gelaufen, ich bin mit meiner Angst gelaufen, ich bin mit meiner Wut gelaufen und habe mir Stück für Stück erlaubt auf das neue Wesen, was da geboren wurde zu vertrauen.
Verlorene Träume
Diese Serie habe ich nicht erwartet und gerade diese ist ein persönlicher Meilenstein in der Malerei.
Mitten auf meiner Reise ist meine derzeitige Liebe in die Brüche gegangen.
Früher hätte ich wohl meine Arbeit pausiert und mich ihr zu einem emotional einfacheren Zeitpunkt wieder zugewendet. Doch mein Alltag war die Malerei, fünf Tage die Woche, ohne wenn und aber. Also keine Chance auszuweichen. Zum ersten Mal habe ich gespürt, wie mächtig die Kunst als Ventil sein kann.
All meine Trauer, meine Sehnsucht und meine Niedergeschlagenheit haben Platz gefunden auf der Leinwand. Nicht nur, sind diese Gemälde an Ausdruck und Spannung so viel intensiver, als jedes Gemälde, was dem reinen Denken entsprungen ist, sie haben mir gleichzeitig einen Teil meiner Schwere abgenommen. Wie als hätte ich ein kleines Stückchen Leid meiner Seele entnommen und auf der Leinwand verewigt.
Es war wie eine Tür, die sich geöffnet zu der ich nach langer Zeit endlich den Schlüssel gefunden habe.
Die Gemälde stellen ungeschönt meine Realität dar, in ganzer Wahrhaftigkeit und Verletzlichkeit. Weil sie aus dem Impuls und der Empfindung entsprungen sind. Weil ich mir all dieses Empfinden erlaube. Weil sie so nah, wie es nur geht am Leben sind.
„Life does it´s dance, take sure that you dance it all the way“
Im Weiteren, nachdem die Serie „Verlorene Träume“ zu Ende war, war dieser Satz sehr präsent für mich. Ich habe einmal mehr an eigener Haut erfahren müssen, dass ich das Leben nicht kontrollieren kann. Dass es nicht meinem Wunschdenken entspringt. Und doch ist eben der Schmerz, immanenter Bestandteil des Lebens.
Ich wiederhole: Ohne schlecht kein gut.
Wenn ich mich dem Leben also wirklich hingeben möchte, habe ich doch gar keine andere Chance, als mich auch dem schmerzlichen Teil zu widmen. Und so habe ich mich gleichsam von meiner emotionalen Empfindung führen lassen, dessen malerischer Kraft ich mir bewusstgeworden bin und mit diesem Satz gearbeitet. Ich habe mich malerisch orientiert an dem zweiten Gemälde, des verwunschenen Gartens, in dem ich mit Kohle und Öl gemeinsam gearbeitet habe. Das Gemälde der Serie, das mir lebendiger erschien.
Doch die Monster, die nun auf den Bildern entstanden sind, sind meinem Empfinden entsprungen und ich habe mich von meiner Hand leiten lassen. Ich habe mich in diesem Akt den meinen Monstern offenbart, die mich zu dieser Zeit geplagt haben.
Sie möchten doch nur tanzen.
Und dennoch war es nötig, an der Serie des verwunschenen Gartens zu arbeiten. Um zu bemerken, dass ihnen das gewisse etwas fehlt und um herauszufinden warum. Auch wenn ich in dieser Serie selbst nicht direkt die Antwort gefunden habe, hat sie mich malerisch dem Experiment zugeführt, was mir den Weg zu dieser neuen Serie geebnet hat.
Die Thematik Monster, zieht sich weiterhin, wie ein roter Faden durch mein Schaffen. Doch meine Schaffenskraft kommt woanders her, von einem anderen Ort.
Aus einer anderen Ehrlichkeit. Die Monster sind geschaffen aus dem eigenen Schmerz und nicht aus der philosophischen Idee von Schmerz.
Die letzte Wahrheit liegt nicht im denken
Meine Arbeit führt mich weg vom Denken, hin zu einer neuen Ehrlichkeit. Ich möchte den Intellekt nicht verpönen, er ist Teil meiner Natur. Und doch finde ich, dass das Denken in der westlichen Gesellschaft einen viel zu hohen Stellenwert einnimmt. Es überdeckt regelrecht das emotionale Wesen, das genauso unsere Natur ist. Kaum jemand gibt sich noch der Kontemplation hin und der tatsächlichen Empfindung. Immerzu wird in einem Problem-Lösung System gearbeitet, händeringend, um dem Leid zu entkommen, das unbezwingbarer Gegenstand eines jeden Lebens ist. Ich glaube wir driften ab, nehmen das Leben viel zu selten, so wie es ist, ringen darum es kontrollieren zu können, obwohl es doch so klar und deutlich nicht in unserer Hand liegt.
Hinzuzufügen ist wohlgemerkt, dass diese Zeilen ebenso an mich gerichtet sind. Doch hier liegt mein Prozess, hier liegt das Wesen meiner Kunst, das mich meinem Selbst nahe führt. Einer puren Form meines Selbst, in der ich dem Leben nicht ausweichen möchte, sondern ungeschönt nach Ausdruck dessen suche, was tiefer liegt als das Denken.
Die Wut
Ich habe nach zwei Wochen Abstand zur Malerei in gleichem Stil seriell fortfahren wollen. Mit Kohle und Ölfarbe. Mit dem Satz „Life does it´s Dance, take sure that you Dance it all the way“.
Den ganzen Montag lang habe ich mit sanften Strichen an meinem neuen Gemälde gearbeitet. Ich hab mich unbeholfenen gefühlt und wollte dennoch gleich wieder eintauchen in die großen Gefühle der Freiheit, mit denen ich das Atelier zwei Wochen vorher verlassen habe.
Montagabend, fand ich den Anfang meines Gemäldes furchtbar hässlich. In dieser Stimmung bin ich schlafen gegangen.
Am darauffolgenden Dienstag bin ich mit dem falschen Fuß aufgestanden, es hat in Strömen geregnet. Das Atelier hat viele undichte Stellen im Dach und die fünf Eimer, unter den Löchern konnten das Wasser schon lange nicht mehr halten. Also stand ich dann da in der Suppe, die sich über dem Boden ausgebreitet hat. ich habe meine Bluetooth Box vergessen, also keine Musik beim Malen. Ich war für die letzten Wochen alleine im Atelier, da alle anderen Künstler*innen bereits früher gefahren sind. Und so hat auch die Einsamkeit auf mein Gemüt gedrückt.
Doch am allerschlimmsten: Noch immer fand ich mein Gemälde furchtbar hässlich. Ich hatte keine Ahnung, was ich daraus machen sollte.
Ich habe mir also einen Timer auf zwanzig Minuten gestellt, um zu meditieren und mich etwas abzuregen.
Sobald ich meine Augen geschlossen hatte, sind zwei Fliegen ununterbrochen auf mir rumgeflogen und haben mich gekitzelt. Nach zehn Minuten habe ich es nicht mehr ausgehalten und habe wild versucht sie mit meiner Hand zu erschlagen. Und so ich meine Augen geöffnet hatte, habe ich wieder mein hässliches Gemälde gesehen.
Ich habe als erstes meinen Pinsel nach ihm geschmissen.
Anschließend bin ich wie wild geworden mit Spachtel, Kohle und Ölfarbe über das Gemälde hergegangen, in der Intension alles, was mich so schrecklich daran genervt hat zu vernichten, zu übermalen.
Nach geraumen austoben stand ich dann da, mit schnellem Herzschlag und außer Atem. Ich habe mich plötzlich befreit gefühlt und eine mächtige Welle Euphorie ist über mich gekommen.
Ich habe gelernt in Gewässern zu schwimmen, in denen ich vor drei Monaten noch ertrunken wäre.
Ich habe gelernt zu zulassen.
Dass die Wut Inhalt meiner Malerei werden darf, hätte ich mich nicht zu erträumen getraut.
Die Malerei ist zu meinem Ventil geworden.
Ich habe verstanden, jede Form von Emotion, jede Energie nutzen zu können.
Das ist riesig!
Nachdem mein Innerstes wieder Platz hatte, nachdem ich den Tanz getanzt habe, der da eben tanzen wollte, habe ich ein paar Schritte Abstand zum Gemälde genommen. Ich habe die Schönheit entdeckt, die dem Chaos innewohnt. Mit erlerntem Dialog, habe ich anschließend Formen und Farben erkennen können und das Bild in eine Balance geführt.
Die Balance zwischen Ordnung und Chaos, die Platz auf der Leinwand findet, trägt so viel Spannung in sich, dass ich erstaunt bin, dass das bisschen Stück Leinwand nicht zerreißt. Ich brauche keinen Gedanken mehr um das Malen zu beginnen, ich habe eine andere Tür gefunden.
Ich male, der Malerei willen. Um meine Geschichten auszutragen und sie mir erzählen zu lassen. Und gewiss, das Denken begleitet jedes Werk und nimmt Teil daran, doch ist es nicht mehr die Grundlage meines Schaffens. Die Malerei ist die Grundlage meines Schaffens.
Ja!
Bevor ich zu meinem letzten Punkt komme:
Ja, ich möchte malen, ich muss malen! Wie könnte ich nur anders!, um meine Anfangs-Frage zu beantworten.
Weil die Malerei mir alles abverlangt.
Und weil die Malerei mir alles gibt.
Weil mich die Malerei in ganzer Härte mit meinem eigenen Ich konfrontiert.
Weil ich neugierig bin und mich den Geheimnissen dieser Welt offenbaren möchte.
Weil ich weiß, dass mein Prozess niemals enden wird.
Weil ich noch so oft Scheitern werde.
Weil es noch so viele Fragen gibt.
Und weil ich mich so sehr auf die tausend weiteren Fragen freue, die mit jeder Antwort einherkommen.
Weil die Malerei mich zerfallen lässt.
Und weil ich mich auf der Leinwand neu erfinde.
Weil die Malerei so eng mit meinem Dasein verknüpft ist, dass jedes Ablehnen fatal wäre.
Meine Entscheidung für die Malerei ist meine Entscheidung, für das Leben.
Es hat alles gebraucht. Jede einzelne Komponente der letzten drei Monate hat zu meiner Entscheidung für die Malerei geführt.
Ich musste an mein Inneres Kind erinnert werden. Ich musste Monster-Malen. Ich musste das Monster-Malen überladen mit Philosophie, um zu verstehen, dass das Blödsinn ist. Ich brauche den technischen Teil, dem ich mich anhand der Skizzen an der Sculpture Wall zugewendet habe. Ich bin überzeugt davon, dass die Malerei, wie ich sie neu entdeckt habe nur durch diese Disziplin aufblühen kann. Der Technische Teil ist eine der vielen Grundlagen für den Dialog, den ich mit meinen Gemälden führe. Wie die Grammatik, dieser Sprache. Ich musste mir den Polaritäten klarwerden. Es hat die kleinen Leinwände gebraucht, um mich zu befreien. Ich hab das Experiment gebraucht. Es hat alle Zweifel gebraucht an dem Arbeiten aus dem Unwissen. Ich musste mich wieder dem Wissen zuwenden, um zu verstehen, dass das Unwissen viel größer ist. Ich habe jedes Gespräch gebraucht. Ich habe die Gemeinschaft im Atelier gebraucht. Ich musste scheitern. Ich musste laufen. Ich musste leiden. Ich musste Angst haben. Ich habe die Fliegen gebraucht, die mich nicht meditieren lassen wollten. Ich musste wütend sein. Ich musste alleine sein. Ich habe jede Hürde und jeden Meilenstein gebraucht.
Ich habe das Cyprus College of Art gebraucht, weil ich die Malerei brauch!
Die Malerei als eigene Sprache
Kein Wort erzählt das, was das Gemälde erzählt und das ist das größte Geschenk, der letzten drei Monate.
Ich habe sprechen gelernt!
Ich habe malen gelernt!